Chemischer Tiefdruck

Radierung

Die Radierung ist ein Tiefdruckverfahren, bei dem die Linie nicht wie beim Kupferstich mit einem Werkzeug ausgestochen, sondern mit einer Säure eingeätzt wird. Dazu wird die Kupfer- oder Zinkplatte zuerst mit einem sogenannten Ätzgrund überzogen, einer dünnen Lackschicht aus Asphalt und Harz (oder Wachs). Anschliessend wird die Zeichnung mit der Radiernadel so aufgetragen, dass deren Stahlspitze den Ätzgrund wegkratzt. Wird die Platte nun ins Säurebad gelegt, greift die Säure an den freigeritzten Stellen das Metall an, während der Lack die nicht bearbeiteten Plattenteile vor der Säure schützt. Je länger geätzt wird, desto tiefer wird die Linie und umso mehr Farbe kann sie später für den Druck aufnehmen. Durch Unterteilung des Ätzvorgangs in mehrere Stufen können verschiedene Helligkeitsgrade erreicht werden.

Für den Druck wird die Platte vom Ätzgrund gereinigt und eingefärbt. Das weitere Vorgehen ist dasselbe wie beim Kupferstich. Vor dem Druck wird die Plattenoberfläche mit Gaze oder Papier gesäubert und zuletzt mit dem Handballen poliert, so dass die Farbe nur noch in den Vertiefungen haftet.

Um Konturen anzubringen, kann die Platte neu mit einem Ätzgrund überzogen und geritzt werden. Oft werden radierte Platten aber auch mit mechanischen Mitteln (Grabstichel, Kaltnadel, Polierstab und Schaber) überarbeitet.

Das Radierverfahren wurde um 1500 zum ersten Mal angewendet und entstand vermutlich in den Werkstätten der Waffenschmiede, die Waffen und Rüstungen mit Hilfe eines Ätzverfahrens verzierten. Im Unterschied zum Kupferstich bietet die Bearbeitung einer Radierplatte weniger Widerstand, da nicht das harte Metall, sondern nur der Ätzgrand mit dem Instrument durchdrungen werden muss. Es kann freier und spontaner gearbeitet werden. Deshalb wurde die Technik im 16. Jahrhundert sehr beliebt und diente lange vor allem zum schnellen und billigen Anfertigen von Reproduktionen nach fremden Vorlagen. In Italien war es der Maler Parmigianino (1503-1540), nördlich der Alpen vor allem Rembrandt (1606-1669), welche die spezifischen Gestaltungsmöglichkeiten von Radierungen entdeckten.

 

Aquatinta

Die Aquatinta ist als Sonderform der Radierung zu betrachten und wird häufig mit dieser kombiniert. Zusätzlich zur linearen Zeichnung der Radierung erlaubt es die Aquatinta (aqua fortis = Säure; tinta = Farbe) Flächen in Halbtonabstufungen - ähnlich wie in der Mezzotintotechnik - wiederzugeben.

Dabei wird, nachdem durch Radieren Umrisse und lineare Teile eingeätzt und weiss bleibende Flächen mit Lack abgedeckt wurden, die Metallplatte gleichmässig mit Asphaltkorn oder Kolophoniumpulver überzogen. Dies geschieht entweder mit einem Sieb oder in einem sogenannten Staubkasten. Im Staubkasten wird mit einem Blasebalg oder Ventilator das Kolophoniumharz oder der Asphaltstaub aufgewirbelt, dadurch setzt er sich gleichmässig auf die Platte ab. Vorsichtig wird die bestäubte Platte aus dem Kasten herausgeholt und auf einer Wärmplatte soweit erhitzt, bis die Staubkörner schmelzen und sich auf dem Grund festsetzen (sie dürfen nicht zerfliessen). So entsteht auf der Platte eine fein gerasterte Harzkruste. Nun kann geätzt werden. Die Säure dringt zwischen den einzelnen Partikeln ein und lässt eine körnige Fläche entstehen. Durch stufenweises Ätzen und Abdekken werden verschiedene Halbtöne erreicht. Anschliessend wird die Platte zweifach gereinigt: Mit Terpentin wird die Lackfolie gelöst, mit Spiritus die Harzkruste. Das so entstandene rasterför-mige Druckrelief wird mit Farbe eingerieben und ausgewischt und daraufhin abgedruckt. Weil die feinen Partien der Aquatinta besonders empfindlich sind, sind die Auflagen meist beschränkt (allerhöchstens bis zu 200 Blättern).

Die Erfindung der Aquatinta wird im allgemeinen dem Franzosen Jean Baptiste Le Prince zugeschrieben, dessen früheste Blätter 1768 datiert sind. Zum Aufschwung verhelfen hat allerdings der Spanier Jose Francisco Goya (1746-1828) der Aquatinta, der diese Form des Tiefdruckverfahrens für seine Hauptwerke "Caprichos", "Desastres de la Guerra", "Proverbios" und für die "Tauromaquia" verwendete. Anders als seine Vorgänger, die sie nur zur Reproduktion und Wiedergabe von Vorlagen gebraucht hatten, setzt Goya die Aquatinta nun in freier künstlerischerweise ein. Auch Kunstschaffende unserer Zeit wenden die Aquatinta-Technik an, kombinieren sie jedoch meist mit anderen Techniken.